Auf dem Weg zur Dichterhütte entdecke ich am Rand zwischen Brombeergebüsch Rosen, seltsam hier so zwischen den hohen Bäumen.

Der Weg auf den Weinberg führt entlang des Hanges und Licht bricht immer wieder durch die Bäume. Dann plötzlich erscheint, fast unvermittelt die Lust-, bzw. auch Dichterhütte. Hier öffnete sich eine Sichtachse im Wald mit herrlicher Aussicht auf die gegenüberliegende Bettenburg. (Die Bettenburg, Lieselotte Sörgel-Füglein, S.35) Heute schaue ich in ein bewaldetes Tal hinunter. Im Inneren der restaurierten Hütte sind die Wände mit Inschriften zeitgenössischer Dichter bemalt. Die Inschriften erzählen von der Einsamkeit des Christian Truchseß, aber auch von der Abscheu vor der „eitlen egoistischen Menge“, die keinen Sinn für die Schönheitsreize der Natur hat.

Folgt man dem Weg weiter, so gelangt man hinter einer Biegung an die Stelle, an der man seinerzeit auf dem „Sitzplatz unter einem großen Ahorn“ einen erhebenden Ausblick in das Tal der Nassach hatte. Der Blick konnte von Großmannsdorf ins Hofheimer Becken schweifen, über eine belebte Landschaft, ganz im Sinne C.C.L. Hirschfelds.

Auf der Bergnase des Huttenrangens befand sich das „Jagdhaus“, eine doppelstöckige Strohhütte mit Geweihstangen auf dem First. Dies war ein wunderbarer Aussichtsplatz mit guter Fernsicht auf den Kreuzberg in der Röhn. Der Platz diente auch zum Abbrennen von Freudenfeuern zum Tage der Völkerschlacht bei Leipzig, der 1814 mit der Manauer Kirchweih zusammenfiel.

Ein breiter, kurzer „Philosophenweg“ von Hecken gesäumt, bildet eine Sichtachse, an deren Enden jeweils ein hoher Baum stand. Hier ließ sich gemächlichen Schrittes über die Naturgesetze, sowie Ursache und Wirkung diskutieren.

In seiner Zeit in Kassel hatte Christian Truchseß Kontakt gefunden zum Hofgärtner des hessischen Landgrafen, Daniel August Schwarzkopf. Der war damals damit betraut, die Umgestaltung des alten Jagdschloßes Weißenstein in die heutige Wilhelmshöhe zu einem Landschaftspark mit Baumgruppen und weiten Rasenflächen vorzunehmen. Heute zählt die Wilhelmshöhe zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Diese natürliche Ausgestaltung des Parks Kassel-Wilhelmshöhe „… wird maßgebliche mit einem Namen verbunden: Daniel August Schwarzkopf (1738 – 1817).“ ( Die Gartenkunst, 2/2009, Urte Stobbe, Daniel August Schwarzkopf (1738-1817): Hofgärtner und Garteninspektor am Kasseler Hof zur Zeit der Gartenkunstdebatte Ende des 18. Jahrhunderts)

Diese Leistung steht nicht alleine, sondern die fünfbändige „Theorie der Gartenkunst (1779 – 1785) von C.C.L. Hirschfeld und die darüber seinerzeit geführte Diskussion hatten ebenso starken Einfluß auf die Gestaltung. Gartengestaltung war damals die Erweiterung der Architektur über das Gebäude hinaus. So hatte denn ein Gärtner in der Regel eher eine nachgeordnete ausführende Rolle im Obst- und Nutzgartenbereich. Schwarzkopf hatte durch Reisen nach England Kenntnisse über die neuen Landschaftsgärten und die amerikanischen Baumarten gewonnen. So baute er eine der bedeutendsten Baumschulen auf, die sich, als Aushängeschild des Landgrafen, in der nähe des Schloßes befand.

Eine Liste der dortigen Bäume findet sich in „Die Baumschule am Weißenstein in Kassel“ Urte Stobbe in den Arbeitshefte des Instituts für Stadt- und Regionalplanung, TU Berlin.

Neben der Baumschule gründete er ein Rosarium und einen Rosengarten mit einer Sammlung der damals bekannten Rosensorten. Er hat nachweislich die erste Rose in Deutschland gezüchtet, die „Perle vom Weißenstein“. Ihre peonienförmigen Blüten sind mittelgroß, gut gefüllt und verströmen einen zarten Duft.

Von Schwarzkopf wurden zahlreiche Rosenbüsche auf die Bettenburg geliefert. „Als Kultivateur dürfte er in erster Linie das Pflanzenmaterial für den Bettenburger Landschaftspark ausgewählt haben“, so Lieselotte Sörgel-Flüglein in „Die Bettenburg“ 1989. Von ihm kam auch ein Großteil des Kirschsortiments des Christian Truchseß.

Christian Truchseß hat mit der Bettenburg einen eigenen Landschaftspark geschaffen, der weit über das damals stark diskutierte zur Gartenkunst hinaus ragte. Es ist eine sehr persönliche Gestaltung die den Besucher in Stimmungen versetzen sollte, aus denen er letztendlich Kraft schöpfen sollte.

2023 jährt sich das Todesjahr von Christian Truchseß zum 200. mal.

2030 jährt sich das Geburtsjahr von Christian Truchseß zum 275. mal.